Aus „Das Steh-auf-Frauchen“

Manuela erinnert sich auch Jahre später noch an diesen Dienstag im April ... als sei alles erst vor ein paar Stunden geschehen. Jedesmal, wenn sie zurückdenkt, fühlt sie wieder die Freude über den strahlenden Frühlingstag, über ihr Nesthäkchen Alex. Sie fühlt auch wieder den wilden Schmerz, der sie knapp zwei Stunden später fast zu zerreißen drohte. Sie verfluchte – auch nach Jahren noch – ihre kurze Ohnmacht, die sie im schlimmsten Moment daran gehindert hatte, ihrem Jungen beizustehen. Und sie schämte sich seitdem, weil sie nicht einmal imstande gewesen war zu schreien, als es passierte.
...
Erst, als Manuela sich wieder aufrichtete, bemerkte sie für einen Moment den Tieflader mit der Rundumleuchte. Und dann war es auch schon passiert.
Die ersten Kraftwerker, die von der Frühschicht kamen, sahen, wie sich ein Kranausleger von mindestens 30 Tonnen vom Tieflader löste und mit Getöse, aber dennoch fast wie in Zeitlupe, auf die Straße rutschte, sich knarzend aufbäumte, sich drohend abzeichnete gegen den strahlend blauen Himmel.
Sie hörten die Bremsen des Tiefladers quietschen. Der Pkw, der vorausgefahren war, blieb ruckartig stehen. Einige der Männer und Frauen hielten vor Schreck den Atem an, weil sie plötzlich etwas durch die Luft fliegen sahen, das aussah wie eine Puppe, aber schrie wie ein kleiner Mensch, um schon nach einigen Metern am Ufer zu landen .
Sie waren ganz durcheinander, niemand wußte, wohin zuerst: zu dem Kind, das jetzt wimmernd im Gras lag? Oder zu der jungen Frau, die ein Stück vom Kinderwagen fest umklammert hielt, bevor sie zusammensackte, offenbar gestreift von dem stählernen Ungetüm.
Um Manuela schien sich plötzlich alles zu drehen.
„O Gott, was ist los?“, dachte sie – und vor allem: „Wo ist Alex?“
Das beschämende Gefühl, ihm in höchster Not nicht beistehen zu können, nahm ihr das Bewußtsein.
Als sie nach Minuten (oder nur Sekunden?) wieder zu sich kam, wollte es ihr trotz größter Anstrengungen nicht gelingen, die Augen zu öffnen.
Das Gehör funktionierte aber dafür umso besser, denn sie vernahm überdeutlich die aufgeregten Stimmen der Leute, die um sie herumstanden, deren Füße im Sand scharrten.
„Oje, das viele Blut...“ hörte sie eine weibliche Stimme lamentieren.
„Ich glaube, ein Auge liegt neben der Frau“, flüsterte jemand anderes entgeistert.
Manuela hörte, wie die Schuhsohlen sich knirschend am Sand rieben, der Streusand vom Winter lag wohl noch auf den Gehsteigen, wie Stimmen wisperten, andere schrieen, daß man einen  Arzt und die Polizei brauche. Alle Äußerungen waren von Schubsen und Gedränge begleitet.
Eine junge Frau hatte offenbar einen Mann mit den Worten beiseite gestoßen: „Laßt mich mal durch, ich bin Krankenschwester...“
„Deswegen brauchen Sie mich nicht so zu schubsen“, brummte der Mann unwillig. ...
Sie nahm alle Geräusche und Gerüche wahr, als würde sie das Vorgefallene, im Grunde genommen, gar nicht selbst betreffen. Sie dachte an die alte Frau und daran, daß jegliche Heiterkeit in einem Bruchteil von Sekunden in lähmendes Entsetzen umgeschlagen war

Aus „Wenn die Liebe stirbt …“

Anne war manchmal so rätselhaft, vor einer Minute noch fröhlich, in der nächsten ernst und nachdenklich. - War es das, was ihn bisher von ihrem Bett ferngehalten hatte?
Aber eines Tages, nach einem Ausflug in den berühmten Loro-Park ... war es dann doch passiert.
Anne hatte sich am späten Abend gerade wieder mit ihrem obligatorischen Sprüchlein vor der Tür verabschieden wollen, da legte Sven mit einem unüberhörbaren „Pssst!“ eine Hand auf ihren Mund, mit der anderen nahm er ihr den Schlüssel ab, drehte ihn im Schloß herum und schob sie – und natürlich sich selbst auch – kurzerhand ins Zimmer.
Anne war weder erstaunt noch überrascht, als er sie küßte. Diesmal richtig.
Sie wehrte sich nicht, denn sie wußte, dass nun ihre Stunde gekommen war...
Ganz selbstverständlich hatten sie sich auf der kurzen Strecke von der Tür bis zum Bett aller Sachen entledigt. Sie wollten nur noch sich fühlen, mit allem, was sie hatten, mit Haut und Haaren, mit Augen, Stimme und Gesicht. Es funktionierte so einfach wie schon seit Jahrtausenden zwischen den Geschlechtern. Sie bewegten sich, sie küßten und berührten sich, eben nach diesen uralten Naturgesetzen, ohne es vielleicht zu wissen.
„Nein“, meldete sich dann doch wieder etwas in ihr, „laß es nicht zu, es darf nicht so weit kommen, es darf einfach nicht sein!“
Doch als sie das tiefe Gefühl in seinem Blick erkannte, begann ihr Widerstand zu schmelzen.
Sven berührte ihren Hals und ihre Ohren, bewegte sich langsam in ihr. Dabei schaute er sie unverwandt an, solange, bis er vollends von ihr Besitz ergriffen hatte. In diesem Moment lieferte sie sich ihm aus. Vertrauensvoll. Bedingungslos. … Unverständliche Laute drangen an sein Ohr, kleine, spitze Schreie. Er fühlte, daß alles, was vorher geschehen war, zusammenschrumpfte zu einem Nichts. Er war geboren worden und aufgebrochen, um sie zu suchen. Anne war das Ziel und der Sinn seines Lebens.
Nach einer Weile der Stille, in der beide sich nur angesehen und festgehalten hatten, fragte er plötzlich ernüchternd:  „Du, sag mal, nimmst du eigentlich die Pille oder so etwas?“
Anne war unangenehm berührt vom kühlen Klang seiner Stimme, griff dann aber sofort seinen Ton auf.
„Pille? Wie jetzt, Pille? Was soll ich denn mit den ganzen Hormonen? Nein, ich nehme nichts dergleichen.“
So. Was ging es ihn an, daß sie weder die Pille noch eine Spirale vertrug. Er sollte bloß nicht glauben, daß seine Macht über sie ewig dauern würde.
Deshalb plapperte sie auch gleich, noch eine Spur leichtfertiger vielleicht, weiter: „Ich dachte, der Mann sei für solche Dinge zuständig!“ Er hatte ja schließlich auch keine Gummis dabei.
Nur keine sentimentale Stimmung aufkommen lassen! Bloß nicht heulen!
„Der Mann, aha! "Soll ich vielleicht dauernd mit Verhüterlis herumlaufen?“ Sven klopfte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und lachte ein wenig gezwungen, „das wäre ja fast so, als sei man stets und ständig darauf aus, ein Weib ins Bett zu kriegen!“
Sie fühlten mit einem Mal, wie sehr sie unter der unpassenden Oberflächlichkeit ihrer Worte litten, aber sie konnten sie nicht mehr rückgängig machen...


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