Leser kann sich dem Spannungs-Sog nur schwer entziehen
Michael G. Fritz, „Die Rivalen“, Mitteldeutscher Verlag

Albert, der Ich-Erzähler, hatte sich seit Jahren eingerichtet in seinem Leben. Wenn er auch seine bisherige Arbeit als Leder-Designer nach der Wende nicht mehr ausüben kann, so ist er doch auch als Grafik-Designer (wenigstens kommt ja auch das Wort Design drin vor!) zufrieden und hat sein Auskommen.  Mit seiner schönen Frau, Karola, führte er, auch nach Jahren noch, eine sehr sinnliche Beziehung. Da scheint es fast bedeutungslos zu sein, dass die Ehe bisher kinderlos blieb.
Alles bestens also? Ja. Bis, ja, bis Albert eines Tages glaubt, seinen Jugendfreund und Blutsbruder, Wilhelm, im Berliner Menschengewimmel entdeckt zu haben. Nach mehr als dreißig Jahren.
Und von diesem Moment an ist in Alberts geordnetem und doch auch so lustvollem Leben nichts mehr wie es einmal war.
Die Geschichte ihrer Rivalität ergreift so sehr Besitz von Albert, dass er an nichts anderes mehr denken kann. Er vernachlässigt seine Arbeit aufs gröblichste. Von seinem Liebesleben ganz zu schweigen. Seine Bemühungen, mit seiner Frau zu schlafen, scheitern gar kläglich.
Als Albert schließlich erfährt, dass Wilhelm Schriftsteller geworden ist, treibt ihn die Angst noch mehr um. Hat er etwa über ihn, Albert, geschrieben?
Über ihre Rivalität? Dabei geht es allerdings nicht nur um die Rivalität um das Mädchen Bettina, das von Albert sehr geliebt, das aber schließlich doch von Wilhelm geschwängert und dann verlassen wurde.
Nein, es ist vor allem seine eigene Unbedachtheit, die Albert so sehr zu schaffen macht. Denn er hatte vor langer Zeit eine Frage nach Wilhelms tschechischen Zeitschriften und Flugblättern wahrheitsgemäß beantwortet. Aber genau bei jenem Fragesteller hätte er das besser bleiben lassen sollen. Damals, als der Prager Frühling niedergeschlagen wurde.
Wird sich Wilhelm für diesen Verrat rächen? Öffentlich? Vielleicht sogar in einem seiner Bücher?
Als dann seine Frau Karola auch noch auf die Idee kommt, seinen Rivalen, den Schriftsteller Wilhelm Brandt, zu einer Lesung in ihre Galerie einzuladen, spitzt sich Alberts Gewissensnot fast unerträglich zu.  Was sich gleichermaßen zuspitzt, ist der Spannungs-Sog, dem sich der Leser nur schwer entziehen kann. Das kann nun aber nicht an der aktionsreichen Handlung des Romans liegen, denn die fehlt fast gänzlich. Aber das ist in diesem Falle absolut kein Nachteil, ist doch stattdessen die innere Befindlichkeit des Helden umso spannender gestaltet.
Es ist ein selten gewordener Lesegenuss, mit welcher Intensität der Autor seinen Protagonisten auf dessen unweigerlich verhängnisvolles Ende zusteuern lässt.   
Es ist das fünfte Buch von Michael G. Fritz, der als Freier Schriftsteller in Dresden  und Berlin lebt. Sein dritter Roman neben dem Erzählband „Vor dem Winter“ und der Prosasammlung „Der Geruch des Westens“.

Was mir bei seinen Büchern (aber natürlich nicht nur bei seinen) immer wieder auffällt: Die direkte Wiedergabe von wörtlicher Rede kommt gänzlich ohne An- und Ausführungszeichen  aus. Vielleicht gewöhne ich mich ja doch noch irgendwann daran … © Monika Kunze

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Außer diesen Büchern von Michael G.Fritz habe ich auch noch weitere von ihm in den verschiedensten Tageszeitungen rezensiert.

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Von den Autoren:

  • Javier Marias
  • Monika Maron
  • Andrea Camilleri
  • Martin Walser
  • Marcel Reich-Ranicki
  • Birgit Richter
  • Renate Preuß
  • Sigrid Drechsler
  • Rose Ernst

habe ich ebenfalls bereits mehere Bücher rezenzsiert.

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Ist das Leben schön? Aber ja, natürlich!


Michael G. Fritz „La vita è bella“ – Miniaturen aus Venedig, Mitteldeutscher Verlag

Wer den Buchumschlag sieht und im Untertitel liest, dass es um Venedig geht, könnte auf den ersten Blick meinen, es ginge um einen Reiseführer. Nein, mitnichten, es geht um viel mehr:  um einen Reiseverführer, denn genau das tun sie, diese kleinen, feinen Prosastückchen, verführen zu (einem längeren Aufenthalt), entführen (in eine zauberhafte Stadt), einführen (in das Leben der Venezianer, abseits vom Touristenstrom).
Nun, da bereits das dritte Buch (nach „Die Rivalen“ und „Tante Laura“) von Michael G. Fritz beim Mitteldeutschen Verlag erschienen ist, scheint er dort seine literarische Heimat gefunden zu haben.            
„La vita è bella“ behauptet der Titel dieses Werkes. Das Leben ist schön.
Dessen sind wir uns vielleicht nicht immer bewusst. Oft spüren wir die Schönheit des Lebens erst, wenn es gefährdet ist – oder es zumindest so scheint, als ob …
Diese Ahnung vertiefte sich beim Lesen der 54 literarischen Miniaturen immer mehr, woran die dichte, ja, dichterische (im besten Sinne des Wortes) Sprache des Autors keinen geringen Anteil hat. Denn auch Venedig weist schon viele Spuren der Vergänglichkeit auf.
Der Autor lässt uns intensiv teilhaben an seinen Beobachtungen. Oh, er ist ein sehr guter Beobachter, vor allem von Details, auf die die meisten von uns sicherlich gar nicht achten. An seinen Erlebnissen, die ihm während eines längeren Studienaufenthaltes in der Lagunenstadt, widerfuhren,  dürfen wir gleichsam Anteil nehmen. An den sinnlichen und freudigen ebenso wie an den melancholischen.
Manchmal verschieben sich reale und surreale Welten auf zauberhafte Weise ineinander, was dem Leser ein Vergnügen der besonderen Art bereitet.
Das trifft übrigens auch auf  die hin und wieder eingestreuten Passagen seines leisen, unterschwelligen Humors zu. Ein Beispiel? Bitteschön: „Die Möwe umschleicht mit leuchtendgelben Schwimmfüßen die Bissen (Jemand hatte seine Essensreste weggeworfen. Die Autorin), kostet hier und dort ein bisschen wie ein Feinschmecker, der letztlich naserümpfend von der Speise lässt. Sie hebt ab zu den Ufern des rein biologischen Angebots in der Lagune.“ (S.28)
Und es stört im Falle dieses Buches auch keineswegs, wenn sich ein Satz schon mal über 35 Zeilen erstreckt (S.26/27). Auch so etwas kann Vergnügen bereiten – wenn es denn nicht zwanghaft auftritt oder sich bei dem kunstvollen Konstrukt gar grobe Fehler einschleichen.
Wie schön, dass es immer wieder einmal Autoren wie Michael G. Fritz gibt, bei denen solche Sätze noch vorkommen – in einer Zeit, da die kurzen abgehackten Sätze von einer wenig erbaulichen Sprachökonomie (leider und viel zu oft auch in der Literatur) künden.
Was gibt es noch zu sagen? Die schwarz-weißen Fotografien von Prof. Dr. Irene Daum sind ungewöhnlich und sehenswert, sie machen (wie die Textminiaturen) auf Details aufmerksam und neugierig auf das Ganze.
Noch etwas? Ja. Lesen! Schauen! Unbedingt!                                                   Monika Kunze

Mausoleum für ein untergegangenes Land?
Michael G. Fritz: Rosa – oder die Liebe zu den Fischen, Reclam Leipzig, 2002


Nach einem Kneipenbesuch wird der Ich-Erzähler von der Rosa als Hausverwalter engagiert. Weil ihm die geheimnisvolle Schöne gefällt, nimmt er die Stelle an – und findet sich in der Villa ihres Vaters ein.
Es herrscht eine seltsam düstere Atmosphäre in diesem Haus, das nur von Rosa und ihrem Vater bewohnt zu sein scheint.
Der Vater, einst ein hoher Stasioffizier, verlässt sein Arbeitszimmer so gut wie nie – und auch Rosa arbeitet von zu Hause aus. Sie liebt Fische – und die Spekulation mit Immobilien und Aktien. Sie beobachtet täglich die Schwimmkurven ihrer Zierfische und nimmt sie als Omen für ihre geschäftlichen Entscheidungen. Erstaunlich, wie erfolgreich sie damit ist.
Bald fragt sich der Ich-Erzähler, was er in diesem Haus soll, denn Arbeit für einen Hausverwalter scheint es nicht zu geben. Stattdessen wird er benutzt, zum einen als Liebhaber und zum anderen als Zuhörer und Vertrauter. Während Rosa ihn als Liebhaber vielleicht sogar entbehren könnte, so wird er ihr als Zuhörer absolut unentbehrlich. Ihr Erzählstrom scheint niemals versiegen zu wollen. So erfährt der Hausverwalter mehr und mehr von Rosa, ihrem Leben, ihren Gedanken. Er kann ihr sein Mitgefühl nicht verwehren, weil er auch die Last spürt, die auf  Rosas Seele liegt. Sie ist im Dunstkreis der DDR-Mächtigen aufgewachsen, sucht nun nach ihrer eigenen Identität.
Nachts streift er durchs Haus, aber viele Räume sind ihm dort gar nicht zugänglich. Dennoch entdeckt er bald, dass es sich hier um eine Art Mausoleum handelt, in dem die „ruhmreiche DDR-Geschichte“ konserviert wurde.
Je mehr der Erzähler erfährt, umso aussichtsloser erscheint ihm Rosas Schicksal aber auch. Bald empfindet er ihre Lebensbeichte wie einen Sog, der ihn mit hinab zu ziehen droht. Doch er will sich so nicht vereinnahmen lassen und versucht zu fliehen.
Michael G. Fritz schreibt sprachlich gediegen, am gelungensten fand ich die Rückblenden in Rosas Kindheit. Nur manchmal gibt es stilistische Brüche, die ziemlich trivial wirken.
Beispiel: "Wir rissen uns mit unerbittlicher Gier die Kleider vom Leib und flogen zueinander ins Bett". Das passt nun ganz und gar nicht zum Kontext. Deshalb hätte ich dem Buch einen einfühlsamen, Stil sicheren Lektor gewünscht.
Lesenswert ist das Buch trotzdem allemal, denn der Autor, der in Dresden und Berlin lebt, lässt in seiner spannenden Geschichte, deutsche Nachkriegsgeschichte aus der untergegangenen DDR lebendig werden. © Monika Kunze 


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